Linga Mythos
Eines Tages kam es zu einem Streit zwischen Vishnu und Brahma.
Vishnu sprach: ‚Brahma, ich bin der Erhalter des Universums und damit mächtiger als du.‘
Brahma schnaubte: ‚Hätte ich nichts erschaffen, könntest du nichts erhalten!‘
Vishnu legte nach: ‚Mich verehren mehr Menschen als dich.‘
Der Streit uferte aus, so dass die Götter sich sorgenvoll an Shiva wandten. Shiva beruhigte sie, er würde sich der beiden annehmen.
Eine riesige Feuersäule fuhr zwischen die Streitenden, sie war so gewaltig, dass weder Vishnu noch Brahma ihren Anfang und ihr Ende ausmachen konnte. Der Streit war vergessen.
Brahma fragte: ‚Vishnu, was ist das? Hast du so etwas schon einmal gesehen?‘
Vishnu schüttelte den Kopf.
Brahma schlug vor: ‚Lass uns herausfinden wie hoch die Säule ist, ich fliege nach oben und du gräbst nach unten.‘
Brahma nahm die Gestalt eines Schwanes an und flog in die Höhe, um das Ende der Säule zu finden. Vishnu nahm die Gestalt eines Ebers an und grub in der Erde, um den Anfang der Säule zu finden.
Soweit Brahma auch flog, die Säule nahm kein Ende. Da kam Brahma der Gedanke, was geschehe, wenn Vishnu den Anfang der Säule bereits gefunden hatte. Wenn er zuerst zurückkommt. Er wird sich über ihn lustig machen und jedem erzählen, dass er besser ist. Mit aller Kraft flog Brahma weiter nach oben, ein Ende fand er nicht. Da sah er eine Ketaki Blüte an der Säule. Er nahm sie und fragte: ‚Was tust du hier Ketaki?‘
‚Ich wurde der Feuersäule beim Gebet dargebracht. Der Wind wehte mich weg. Doch die Säule ist so lang, dass ich seit Jahren auf dem Weg nach unten falle.
Brahma hatte nun eine geniale Idee: ‚Ketaki, ich habe eine Bitte an dich. Würdest du für mich lügen?’
Die Blüte war skeptisch. Brahma erläuterte ihr seinen Beweggrund: ‚Ich hatte eine Auseinandersetzung mit Vishnu, es ging darum, wer von uns der Machtvollere ist. Da kam diese Feuersäule dazwischen. Ich flog nach oben, um ihr Ende zu finden, Vishnu gräbt unten, um ihren Anfang zu finden. Wenn ich nun mit dir zurückkomme und Vishnu erkläre, dass ich dich auf der Feuersäule gefunden habe, dann wäre bewiesen, dass ich der mächtigere Gott bin. Du musst lediglich meine Aussage bestätigen.‘
Die Ketaki Blüte war überredet und fröhlich flog Brahma mit ihr nach unten, wo Vishnu immer noch nach dem Ende grub.
Müde und erschöpft fragte Vishnu: Konntest du den Anfang finden, Brahma?‘
Stolz zeigte Brahma die Blüte: ‚Ja, ich habe den Anfang der Feuersäule gesehen. Als Beweis habe ich diese Ketaki Blüte mitgebracht, die ich auf der Spitze fand.‘
Vishnu schaute ungläubig auf die beiden.
Brahma stupste die Ketaki Blüte an, die leise sprach: ‚Ja, Vishnu, Brahma spricht die Wahrheit. Ich lag auf der Spitze der Säule und Brahma hat mich von da mitgenommen.‘
Vishnu gab sich geschlagen: ‚Gut für dich Brahma, gut. Ich war nicht in der Lage, den Anfang zu finden. Ich grub und grub und grub.‘
Siegreich brüstete sich Brahma: ‚Das bedeutet, dass …
Da tat es einen ohrenbetäubenden Schlag, die Feuersäule teilte sich in zwei Teile und aus ihr erschien Shiva. Verdutzt schauten Vishnu und Brahma drein.
Shiva sprach zu Brahma, der mit offenem Mund vor ihm stand: ‚Du sahst das Ende der Feuersäule, Brahma?‘
Brahma verschlug es die Sprache. Vishnu war fassungslos, als Shiva fortfuhr: ‚Du hast gelogen, Brahma! Diese Feuersäule ist eine Form von mir. Sie ist das Linga, das weder Anfang noch Ende kennt. Du, Vishnu und ich, wir sind Formen des Absoluten, jeder von uns hat seine Aufgabe – Erschaffen, Erhalten, Auflösen. Da gibt es kein ‚wer ist besser‘. Wir haben zusammen eine Einheit zu bilden, keinen Kampf zu führen.‘
Vishnu und Brahma entschuldigten sich bei Shiva.
Doch er war noch nicht fertig: ‚Brahma, für diese Lüge verfluche ich dich. Du wirst nie so verehrt werden, wie wir beide.‘
Zu der ängstlich dreinblickenden Ketaki Blüte sprach er: ‘Du, Ketaki, wirst mir nie mehr dargebracht werden.‘
Brahma und die Blüte widersprachen nicht. Sie mussten den Preis für ihre Lüge bezahlen.
Brahma hat kaum Tempel, die ihm geweiht sind. Bis heute wird die Ketaki Blüte bei keinem Ritus dargebracht.
Aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung von S. A. Krishnan.
