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Nyo und Saing

Nyo und Saing waren um die zwanzig Jahre alt und lebten davon, Betelblätter zu verkaufen.

Eines Tages borgte sich Saing von Nyo Reis. Noch bevor er ihn zurückgeben konnte starb er durch einen Schlangenbiss.

Saings letzter Gedanke war der an den Reis, den er nicht zurückgegeben hatte.

Er wurde als Hahn in Nyos Haus wiedergeboren. Nyo machte aus ihm einen Kampfhahn. Bis zu seinem vierten Kampf gewann der Hahn alle Kämpfe, als er den vierten verlor erschlug Nyo ihn und warf ihn halbtot neben einen Wassertrog, aus dem die Kühe tranken. Eine Kuh berührte den toten Hahn mit ihrem Maul.

Saing wurde nun als Kalb wiedergeboren. Als es ein Jahr alt war brachte er es zum Schlachter, das Fleisch wurde bei einem Fest gegessen, an dem auch Nyo teilnahm.

Ein Ehepaar war anwesend, das die Schlachtung des Tieres missachtete und nicht bereit war, das Fleisch zu essen.

Das Kalb wurde als Sohn dieses Paares wiedergeboren. Bis zu seinem siebten Lebensjahr sprach er nicht.

Eines Tages versprach ihm sein Vater, er bekäme neue Gewänder, wenn er denn sprechen würde. Als der Vater mit der Kleidung am Abend nach Hause kam sagte der Sohn: ‚Gebt Nyo seinen Reis zurück.‘

Der Vater packte einen Sack Reis auf den Wagen, spannte die Ochsen an und sie fuhren zu Nyo. Der Sohn wies ihm den Weg zum Dorf und zu Nyos Haus.

Nyo kam heraus und das Kind rief: ‚Nyo, erinnerst du dich noch an mich?‘

Nyo, etwas überrascht, dass ein Kind, ihn, den Älteren, so salopp ansprach, bat sie ins Haus.

Dort sprach der Junge weiter: ‚Nyo, erinnerst du dich nicht mehr? Wir haben hier einst Betelblätter verkauft. Ich borgte mir Reis von dir und konnte ihn nicht zurückgeben, weil ich durch einen Schlangenbiss starb. Dann wurde ich als Hahn in deinem Haus geboren, als ich einen Kampf verlor erschlugst du mich und warfst mich halbtot vor einen Wassertrog, wo mich eine Kuh küsste. Ich zog in ihren Leib ein und wurde als Kuh geboren. Als Kälbchen hast du mich schlachten lassen und aufgegessen. Ein Paar, dessen Sohn ich nun bin, hatte Mitleid mit mir. Nun bin ich gekommen, um dir den Reis zurückzugeben.‘

Nyo brach in Tränen aus.

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Krishna spricht in der Bhagavad Gita IV.5 zu Arjuna: ‚Viele Geburten haben wir durchlebt. Ich erinnere sie alle, du bist dazu nicht fähig.‘

Das Mahabharata erwähnt von etlichen Charakteren deren vorheriges Leben im Detail.

Die Geschichte zeigt, dass das Gedächtnis nicht vom Gehirn abhängig ist. Nach Indischer Auffassung ist Citta (Geist, Bewusstsein) der Sitz der Erinnerung und Citta überlebt den Tod, da es nicht physischer Natur ist und nur das Physische stirbt.

Citta ist eines der vier inneren Funktionen (Antahkarana), die anderen drei sind Manas, Buddhi, Ahamkara – Geist, Intellekt, Ego.

Etwas war in Saings Geist zurückgeblieben durch alle seine Geburten, nämlich, dass er Reis geborgt hatte.

Auch bei Amba aus dem Mahabharata blieb der Gedanke der Rache an Bhishma haften. Sie wird als Tochter von Drupada wiedergeboren und wird, nachdem sie ihr Geschlecht mit einem Geist getauscht hat, zu dem Mann Shikandin, als der sie den Tod Bishmas herbeiführt und ihre Rache vollzieht.

Die Bhagavad Gita sagt in VIII.6 sinngemäß: Was wir zum Zeitpunkt des Todes denken ist maßgebend für die nächste Geburt.

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Saing wurde da wiedergeboren, wo er sich hingezogen fühlte.

Seine erste Wiedergeburt als Hahn in seines Freundes Haus hat auch eine Verbindung zum Reis, da Hühner in Indien mit Reis gefüttert werden.

Die Upanishaden sagen, dass sich vor der Wiedergeburt der zu verkörpernden Seele eine Parade von Leben zeigt und sie in das Leben hineinspringt, das in dem Moment zu ihr passt.

Nyo trainiert den Hahn und macht ihn zu einem Kämpfer, im Ärger tötet er ihn. Die Kuh zeigt Zuneigung zu dem Hahn und die Seele entschließt sich, das Leben einer Kuh anzunehmen. Immer noch ist er im Haus seines Freundes Nyo, dem er etwas schuldet.

Nyo lässt das Kalb schlachten, um sein Fleisch mit Freunden zu essen.

Der Frau eines Paares tut das Kalb leid und die Seele entscheidet aus Sympathie, diesem Paar geboren zu werden.

Das Kind entscheidet, stumm zu sein, wohl waren die Erlebnisse der letzten beiden Leben so erschreckend.

Mit sieben Jahren entscheidet es zu sprechen, seinem Vater den Weg zu dem ehemaligen Freund zu zeigen, um das einstmals Geliehene zurückzugeben. Seine Erinnerung ist klar.

Nyo weint, als er hört, was er seinem Freund alles angetan hatte.

 

Aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung von Satya Chaitanya

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Saing kann sich an seine früheren Geburter erinnern, die Vedischen Schriften nennen diese Fähigkeit ‚Jatismara‘. Ist allerdings hoch entwickelten Seelen vorbehalten.

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Die Geschichte darf uns gern auch dahingehend nachdenklich machen, wie wir mit Tieren umgehen.

 

Eine eindrückliche Beschreibung der Karmischen Prinzipien bietet ‘Das Buch Pubbenivasa’ mit vier buddhistische Wiedergeburtsgeschichten.